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Art is a Tumor—Ceci n’est pas une boule
2006 – 2008

Die Ausstellung im Kunstraum Aarau im Jahr 2008 fasste eine lange künstlerische Reise von Roman Buxbaum zusammen. Ausgangspunkt dieser Reise war eine kleine Kugel, die einige Jahre zuvor auf seiner rechten Schulter zu wachsen begonnen hatte. Als ehemaliger chirurgischer Assistent kannte Buxbaum Lipome gut. Lipome sind gutartige, langsam wachsende Fettgewebstumoren der Haut. Sie entarten nicht und bilden keine Metastasen. Wenn sie kosmetisch störend sind, lassen sie sich leicht entfernen. Der Chirurg schneidet die Haut auf und schält das Lipom mit dem Finger heraus – wie eine Orange.

Buxbaum wusste, dass sein Lipom harmlos war. Es befand sich an einer ungewöhnlichen, gut sichtbaren Stelle auf seiner rechten Schulter. Er entschied sich, es wachsen zu lassen. Nach etwa zwei Jahren hatte es die Größe einer Orange erreicht. Kunst ist Krankheit! Der Körper des Künstlers ist das Werk. Seit dem Medizinstudium litt er gelegentlich unter karzinophoben Ängsten. Das Wachsenlassen des Lipoms war auch eine Konfrontation mit seiner Tumorangst – eine Selbsttherapie. Kunst ist Therapie.

1995 gab er an der Kunstschule Nürtingen eine Performance mit dem Titel „Art is Illness“. Medizinische Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen untersuchten seinen Körper, diktierten die Befunde und zeichneten sie auf Video auf. Der medizinische Blick auf den eigenen Körper. Die Krankenakte wurde veröffentlicht und ersetzte die übliche Künstlerbiografie. Sie begann so:
„Die Krankengeschichte beginnt am 5. Mai 1956 in der Geburtsabteilung des Krankenhauses Podolí in Prag. Roman Buxbaum wurde nach komplikationsloser Schwangerschaft in einfacher Schädellage geboren. Die Körpergröße des Neugeborenen lag mit 53 cm im Normbereich, ebenso das Körpergewicht mit 2.800 g; Dysmorphien oder Fehlbildungen wurden nicht festgestellt.“

Als Psychiater interessierte sich Buxbaum auch für die psychologischen Zusammenhänge zwischen Kunst und Krankheit. Sigmund Freud vermutete die Quelle künstlerischer Energie in unbewussten psychischen Konflikten. In zwei berühmten Essays von 1908 versuchte Freud eine psychoanalytische Interpretation unbewusster Motive in einem Gemälde Leonardo da Vincis und in Michelangelos Skulptur „Moses“. Freuds These lautete, Künstler unterdrückten – wie Neurotiker – ihre libidinösen Triebe. Neurotiker produzierten Symptome, Künstler sublimierten ihre Libido in Kunstwerke. Auch Buxbaum entschied sich, seine Hypochondrie in Kunst zu transformieren. Das Lipom war kein Tumor mehr, sondern ein Kunstwerk.

Das Lipom besaß besondere skulpturale Qualitäten. Zunächst war es eine schöne kleine Kugel. Mit zunehmender Hautspannung verformte es sich zu einem ovalen Ei – wie eine Epaulette. War es eine Auszeichnung oder ein kleines Tier nahe seinem Ohr, das ihm etwas zuflüstern wollte?

Inspiriert von Van Gogh und Egon Schiele zeichnete Buxbaum seit seiner Jugend Selbstporträts. Sein eigener Körper war stets verfügbares Modell. Er zeichnete sich mit dem Lipom, fotografierte und filmte den seltsamen Hügel, der die Landschaft seines Körpers veränderte. Er goss die Schulter in Gips und Ton ab, lernte die Technik der Moulage – realistisch bemalte Wachsabformungen von Hautkrankheiten, die vor der Farbfotografie für Lehrzwecke dienten. In der Schweiz beherrschen nur noch zwei Spezialisten diese Technik. Auch Bronzeabgüsse fertigte er an. Alte bildgebende Verfahren wurden auf seinen „Tumor“ angewandt.

Ein weiteres Projekt sollte eine Bronzebüste nach dem Vorbild römischer Kaiser werden – mit dominierendem Lipom. Doch beim Abguss kam es zu Komplikationen. Er steckte im Gips fest, Haare und Ohr waren einbetoniert. Schließlich musste er im Krankenhaus Brünn mühsam befreit werden. Das Projekt wurde aufgegeben.

Krankheit, Krebs und Tod machen sprachlos. Buxbaum wollte diese Sprachlosigkeit in ein Drama zwischen Gut und Böse verwandeln. Während der Schwangerschaft seiner Tochter Anna wuchs das Lipom weiter. Ceci n’est pas une boule – La boule est née thematisierte das gleichzeitige Wachstum von Leben und Tod. Geplant war eine Operation als Theaterperformance im Rudolfinum Prag – doch die tschechische Ärztekammer untersagte sie aus ethischen Gründen. Später wurde die Operation in Baden performativ nachgeholt: Le coup de sabre du Roi.

Den letzten Akt realisierte er im Kunstraum Aarau. In einem dunklen Raum lagen bronzene „Hügel“ wie eine mexikanische Landschaft. Schwarze Stelen spiegelten sie wie dunkle Spiegel. Unter einer Glasglocke ruhte das entfernte Lipom auf einem barocken Kalvarienberg – das Kreuz fehlte. Der Tumor wurde zum neuen Golgatha. Videoprojektionen aus Sergio Leones The Good, the Bad and the Ugly begleiteten die Inszenierung.

Die Ausstellung markierte das Ende der „Tumorarbeiten“. Wenige Monate später wurde Buxbaum mit einem echten Krebs konfrontiert – einem Analkarzinom, das er frühzeitig selbst ertastete. Es gab keine Metastasen. Seine Karzinophobie – und sein geschulter Zeigefinger – retteten ihm das Leben.

Rückblickend stellte er sich die Frage: War die künstlerische Beschäftigung mit dem Lipom ein unbewusstes Vorzeichen des realen Krebses? Mit anderen Worten: Hat die Kunst ihm das Leben gerettet?

 

 

 

 

Die Ausstellung im Kunstraum Aarau im Jahr 2008 fasste eine lange künstlerische Reise von Roman Buxbaum zusammen. Ausgangspunkt dieser Reise war eine kleine Kugel, die einige Jahre zuvor auf seiner rechten Schulter zu wachsen begonnen hatte. Als ehemaliger chirurgischer Assistent kannte Buxbaum Lipome gut. Lipome sind gutartige, langsam wachsende Fettgewebstumoren der Haut. Sie entarten nicht und bilden keine Metastasen. Wenn sie kosmetisch störend sind, lassen sie sich leicht entfernen. Der Chirurg schneidet die Haut auf und schält das Lipom mit dem Finger heraus – wie eine Orange.

Buxbaum wusste, dass sein Lipom harmlos war. Es befand sich an einer ungewöhnlichen, gut sichtbaren Stelle auf seiner rechten Schulter. Er entschied sich, es wachsen zu lassen. Nach etwa zwei Jahren hatte es die Größe einer Orange erreicht. Kunst ist Krankheit! Der Körper des Künstlers ist das Werk. Seit dem Medizinstudium litt er gelegentlich unter karzinophoben Ängsten. Das Wachsenlassen des Lipoms war auch eine Konfrontation mit seiner Tumorangst – eine Selbsttherapie. Kunst ist Therapie.

1995 gab er an der Kunstschule Nürtingen eine Performance mit dem Titel „Art is Illness“. Medizinische Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen untersuchten seinen Körper, diktierten die Befunde und zeichneten sie auf Video auf. Der medizinische Blick auf den eigenen Körper. Die Krankenakte wurde veröffentlicht und ersetzte die übliche Künstlerbiografie. Sie begann so:
„Die Krankengeschichte beginnt am 5. Mai 1956 in der Geburtsabteilung des Krankenhauses Podolí in Prag. Roman Buxbaum wurde nach komplikationsloser Schwangerschaft in einfacher Schädellage geboren. Die Körpergröße des Neugeborenen lag mit 53 cm im Normbereich, ebenso das Körpergewicht mit 2.800 g; Dysmorphien oder Fehlbildungen wurden nicht festgestellt.“

Als Psychiater interessierte sich Buxbaum auch für die psychologischen Zusammenhänge zwischen Kunst und Krankheit. Sigmund Freud vermutete die Quelle künstlerischer Energie in unbewussten psychischen Konflikten. In zwei berühmten Essays von 1908 versuchte Freud eine psychoanalytische Interpretation unbewusster Motive in einem Gemälde Leonardo da Vincis und in Michelangelos Skulptur „Moses“. Freuds These lautete, Künstler unterdrückten – wie Neurotiker – ihre libidinösen Triebe. Neurotiker produzierten Symptome, Künstler sublimierten ihre Libido in Kunstwerke. Auch Buxbaum entschied sich, seine Hypochondrie in Kunst zu transformieren. Das Lipom war kein Tumor mehr, sondern ein Kunstwerk.

Das Lipom besaß besondere skulpturale Qualitäten. Zunächst war es eine schöne kleine Kugel. Mit zunehmender Hautspannung verformte es sich zu einem ovalen Ei – wie eine Epaulette. War es eine Auszeichnung oder ein kleines Tier nahe seinem Ohr, das ihm etwas zuflüstern wollte?

Inspiriert von Van Gogh und Egon Schiele zeichnete Buxbaum seit seiner Jugend Selbstporträts. Sein eigener Körper war stets verfügbares Modell. Er zeichnete sich mit dem Lipom, fotografierte und filmte den seltsamen Hügel, der die Landschaft seines Körpers veränderte. Er goss die Schulter in Gips und Ton ab, lernte die Technik der Moulage – realistisch bemalte Wachsabformungen von Hautkrankheiten, die vor der Farbfotografie für Lehrzwecke dienten. In der Schweiz beherrschen nur noch zwei Spezialisten diese Technik. Auch Bronzeabgüsse fertigte er an. Alte bildgebende Verfahren wurden auf seinen „Tumor“ angewandt.

Ein weiteres Projekt sollte eine Bronzebüste nach dem Vorbild römischer Kaiser werden – mit dominierendem Lipom. Doch beim Abguss kam es zu Komplikationen. Er steckte im Gips fest, Haare und Ohr waren einbetoniert. Schließlich musste er im Krankenhaus Brünn mühsam befreit werden. Das Projekt wurde aufgegeben.

Krankheit, Krebs und Tod machen sprachlos. Buxbaum wollte diese Sprachlosigkeit in ein Drama zwischen Gut und Böse verwandeln. Während der Schwangerschaft seiner Tochter Anna wuchs das Lipom weiter. Ceci n’est pas une boule – La boule est née thematisierte das gleichzeitige Wachstum von Leben und Tod. Geplant war eine Operation als Theaterperformance im Rudolfinum Prag – doch die tschechische Ärztekammer untersagte sie aus ethischen Gründen. Später wurde die Operation in Baden performativ nachgeholt: Le coup de sabre du Roi.

Den letzten Akt realisierte er im Kunstraum Aarau. In einem dunklen Raum lagen bronzene „Hügel“ wie eine mexikanische Landschaft. Schwarze Stelen spiegelten sie wie dunkle Spiegel. Unter einer Glasglocke ruhte das entfernte Lipom auf einem barocken Kalvarienberg – das Kreuz fehlte. Der Tumor wurde zum neuen Golgatha. Videoprojektionen aus Sergio Leones The Good, the Bad and the Ugly begleiteten die Inszenierung.

Die Ausstellung markierte das Ende der „Tumorarbeiten“. Wenige Monate später wurde Buxbaum mit einem echten Krebs konfrontiert – einem Analkarzinom, das er frühzeitig selbst ertastete. Es gab keine Metastasen. Seine Karzinophobie – und sein geschulter Zeigefinger – retteten ihm das Leben.

Rückblickend stellte er sich die Frage: War die künstlerische Beschäftigung mit dem Lipom ein unbewusstes Vorzeichen des realen Krebses? Mit anderen Worten: Hat die Kunst ihm das Leben gerettet?